Rezension zu Anathema – "We’re here because we’re here"

Vor langer, langer Zeit in einem weit weit entfernten Land lebte eine junge Musikkapelle, die sich Anathema nannte. Anathema wie Kirchenbann, wie Exkommunikation, wie die Verfluchung vor Gott und dessen irdischen Vertretern. So wie sie sich nannten, so klang auch ihre Musik, die sie von Dorf zu Dorf ziehend den Menschen präsentierten. Da mischten sich harte Doom-Metal und Gothic-Klänge, da wurde gelitten, gestorben und dämonisiert. Da wurde das Dunkle in der Welt beschworen. Doch dann eines schönen Tages entdeckte ihr Schreiber Danny Cavanagh auf der Reise eine kleine Höhle namens Artrock, in der unglaubliche Schätze verborgen lagen: Dort zu finden waren psychedelische Farben, Schatzkisten voller epischer Hymnen und vertrackter Takte. Danny zog es in diese Höhle, ebenso den Rest der Band, und als sie wieder herauskamen, sollte nichts mehr so sein wie früher. Anathema hatten sich verändert…

Das ist nun schon über zehn Jahre her, und auch heute noch spielen Anathema ihre originelle Mischung aus Alternative Rock, Gothic, Art Rock und Psychedelic. Dabei verlegen sie immer vorsichtig den Focus, mal auf rockige Alternative Klänge wie auf der – mit dem passenden Titel ausgestatteten – „Alternative 4“, mal auf psychedelischen Art Rock wie auf „A fine day to exit“, mal auf aufbrausenden Goth Rock wie auf dem letzten Album „A natural disaster“. Ähnlich wie in ihren Stilmitteln sind Anathema auch in ihren Stimmungen ambivalent und launisch. Nach dem leicht zynischen „A fine day to exit“ und dem düsteren „A natural disaster“ sind sie nun 2010 also einfach nur noch hier, weil sie hier sind. Zu dem existenzialistischen Titel haben sie auch gleich das passende Coverartwork im Gepäck. Hell leuchtend, optimistisch überzeichnet, visuell fast komplett ausbrennend durch das Sonnenlicht, in dessen Kegel sich der Protagonist des Albumcovers aufhält. Und wenn das Artwork schon so dick aufträgt, warum sollte sich die Musik dann zurückhalten…?

Anathema vereinnahmen auf „We’re here because we’re here“ den Pathos für sich. Ungefiltert, ohne falsche Bescheidenheit und konsequent. Neben den mittlerweile schon als klassisch zu bezeichnenden Art Rock Trademarks geht es dementsprechend hymnisch und wortstark zur Sache. Der Opener „Thin“ bauscht sich zu einem gewaltigen, emotionalen Sturm auf, um in choralischem Wabern langsam wieder zu verebben. Die Ballade „Dreaming Light“ darf gar vollkommen unverschämt in dicken, schmalzigen Gefilden baden und sich in dosierten Ausbrüchen ihrem emotionalen Höhepunkt entgegen treiben lassen. Der epische Achtminüter „A simple mistake“ bedient sich frei bei Pink Floydschem 80er Jahre Progressive Rock Pathos und beeindruckt dabei sowohl auf der emotionalen als auch psychedelischen Seite und ist mit interessanten Gitarren-Breaks verziehrt, die sogar unerwartet die Metalkeule auspacken.

Dominierend ist auf „We’re here because we’re“ allerdings mehr denn je der theatralische und pathetische Aspekt des Anathema’schen Klangkosmos. Dieser war freilich schon immer vorhanden, aber noch nie wurde er derart offensiv ausgeführt wie 2010. Da ist es zwischendurch auch einfach nur eine Wohltat etwas zurückhaltendere Stücke wie das hervorragende „Summer night horizon“ oder das sich verdrogt schleppende „Get off, get out“ zu hören, das sich nach psychedelischem Beginn zu einer ordentlich treibenden Alternative Rock Nummer entwickelt. Leider bleiben aber diese kleinen Experimentierfelder die Ausnahme. Dominanter ist das Hymnische, groß Aufgetragene und leider auch allzu oft viel zu Schmalzige und Kitschige. Der am Mixer sitzende Steve Wilson hat ordentliche Arbeit geleistet, um den Sound Anathemas den großen Emotionen seiner eigenen Band anzupassen. Und tatsächlich könnte so manches der Stücke auch direkt von Porcupine Tree stammen. Nahezu peinlich wirds dann auch hin und wieder; so zum Beispiel im opulenten „Universal“, das -Gott sei Dank nur kurzzeitig- an schlimmste 80er Neo Progressive Rock Verbrechen erinnert.

Trotzdem ist „We’re here because we’re here“ alles in allem ein überdurchschnittliches Album geworden. Bei weitem nicht so gut wie die Bandeigenen Meisterwerke „Alternative 4“ oder „A fine day to exit“, aber auch wieder deutlich stärker als das öde „A natural disaster“. Die Theatralik mit der Anathema hier zu Werke gehen kann den Genuss des Albums stören, kann nerven, kann sogar in den Wahnsinn treiben; andererseits sind es dann wieder die gefälligen Ideen, die gediegene Gesamtatmosphäre und die interessanten, nach wie vor stimmigen, Durchmischungen und Durchflutungen von Genres, Stilmitteln und Stimmungen, die mit so manchem übereifrig emotionalen Moment versöhnen. Eine solide Arbeit einer Band, die weitaus mehr kann… Und beim nächsten Mal darfs  auch gerne wieder etwas zurückhaltender sein…

Bands/Künstler_Innen: Anathema, | Genres: Art Pop, Art Rock, Rock, | Jahrzehnt: 2010er,


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